Gedächtnisserie Teil I: Das Gedächtnis, unser Lernpartner

«En Schwan so wiiss wie Schnee, vergässä was isch gscheh … » Können Sie weitersingen? Bei vielen Liedern funktioniert das problemlos, auch wenn wir sie schon lange nicht mehr gehört haben. Aber wieso? Warum können wir uns gewisse Dinge jahrelang merken, ohne sie jemals gelesen, geschweige denn aktiv auswendig gelernt zu haben, während wir andere gleich wieder vergessen? In dieser dreiteiligen Blogserie erklären wir Ihnen, wie Lernen funktioniert, welche Prozesse dabei in unserem Gehirn ablaufen und wie wir als Didaktik-Experten dieses Wissen bei der Erstellung digitaler Lernmedien nutzen.

Ein kleines Experiment

Gleich als Erstes möchten wir Sie zu einem Selbstversuch auffordern. Merken Sie sich die nachfolgenden Namen und die dazugehörigen Aktivitäten. Sie sollten langfristig (mindestens, bis Sie den zweiten Teil der Serie lesen) in der Lage sein, den Namen jeder Person zu nennen, wenn Sie die entsprechende Aktivität hören:

  • Paula lebt in den Alpen.
  • Herbert Andreas Flückiger komponiert ein Werk.
  • Dominique und Isabelle spielen Tennis.
  • Sybille Meier legt einen Schwur ab.
  • Thomas und Daniela essen Lebkuchen.

Gemerkt? Prima! Ob das auch wirklich funktioniert hat, werden wir im zweiten Beitrag dieser Blogserie überprüfen.

Was ist Lernen?

Wir alle wissen intuitiv, was mit dem Begriff «Lernen» gemeint ist. Aber haben Sie schon mal versucht, ihn zu definieren? Gar nicht so einfach. Unter anderem deshalb, weil es mehrere Arten des Lernens gibt. Und weil man damit sowohl ein Ergebnis wie auch einen Prozess meinen kann.

Konzentriert man sich aufs Ergebnis, dann ist Lernen eine dauerhafte Änderung des Verhaltens, des Denkens, Wissens oder Fühlens. Diese Veränderung muss durch äussere Einflüsse geschehen (etwa durch eine Schulstunde, eine Website oder eine heisse Herdplatte), nicht durch Reifung oder die Folgen einer Krankheit.

Lernen ist aber auch ein komplexer Prozess im Nervensystem, an dem unterschiedliche Sinne beteiligt sind. Zentral dabei sind das Gehirn und seine Fähigkeit, Informationen auszuwählen, einzuordnen, langfristig abzuspeichern und wieder hervorzuholen.

In unserer Serie beschäftigen wir uns damit, wie wir Informationen aus unserer Umwelt aufnehmen und abspeichern. Und was das mit E-Learning zu tun hat.

Können wir nur mit bewusster Anstrengung lernen?

Die gute Nachricht: nein! Es gibt verschiedene Arten von Lernen. Dazu gehören auch unbewusste Formen wie zum Beispiel das Erlernen von Bewegungsabläufen, Sozialisation (wie wir uns in Gesellschaft von anderen verhalten müssen), das Lernen der Muttersprache, Gewöhnung und Konditionierung.

Für uns als Produzenten von Lern-Content ist das sogenannte «deklarative Lernen», das bewusste Erarbeiten neuer Lerninhalte, spannend. Deklarative Gedächtnisinhalte sind das, was wir üblicherweise als «Wissen» bezeichnen: Sie lassen sich in Worte fassen. Dazu gehören Inhalte wie zum Beispiel: Welche Vortrittsregeln gelten auf dem Flughafengelände? Wie bediene ich die neue Software? Diese Art Inhalt lässt sich sehr gut mit E-Learning vermitteln. Allerdings soll sich das Wissen oft auch in neuem oder verändertem Verhalten äussern, und auch dieses Ziel kann ein Anspruch an digitale Lernangebote sein. Mehr darüber erzählen wir Ihnen in einem anderen Teil dieser Blogserie.

Aber zurück zu den «äusseren Einflüssen» aus der Definition weiter oben: Werfen wir einen Blick auf den Prozess des Lernens.

Der Thalamus – das Tor zum Bewusstsein

Wir werden zu jedem Zeitpunkt mit Millionen von Reizen überflutet – Reize von unserem eigenen Körper und Reize aus der Umgebung. Die meisten davon bemerken wir gar nicht: Wie sich unser Pullover auf unserer Haut anfühlt, wo sich unser rechter kleiner Zeh befindet oder welche Umgebungsgeräusche vorhanden sind.

Würden wir all diese Informationen bewusst wahrnehmen, dann wären wir konstant damit beschäftigt, für uns irrelevante Tatsachen zu verarbeiten. Wir hätten keine Kapazität mehr, uns auf Wichtiges zu konzentrieren. Damit das nicht passiert, haben wir einen mächtigen Wächter: den Thalamus.

Der Thalamus ist ein Teil unseres Zwischenhirns und liegt ungefähr in der Mitte des Gehirns. Fast alle Impulse der Sinnesorgane gelangen als erstes zum Thalamus und werden dort auf ihre Wichtigkeit geprüft. Was vom Thalamus als wichtig oder dringend genug erachtet wird, gelangt in unser Bewusstsein – wir nehmen es wahr. Wegen dieser Funktion wird der Thalamus häufig als das «Tor zum Bewusstsein» bezeichnet.

Hierzu eine nette Eselsbrücke: «Der Thalamus heisst Thalamus, weil alles durch den Thalamus muss».

 

Bildquelle

 

Haben wir also gar keinen Einfluss auf das, was wir bewusst wahrnehmen? Doch! Der Thalamus passt einerseits die Informationen, die er in unser Bewusstsein lässt, unserer aktuellen Aktivität und unseren Absichten an. Andererseits können wir ihm auch bis zu einem gewissen Grad befehlen, welche Sinneseindrücke er durchlassen soll und welche nicht. Wenn ich mich während einer Prüfung konzentrieren muss, blendet er meine Umgebung aus. Ich nehme kaum mehr wahr, wer sonst noch anwesend ist, wonach es riecht oder was das Wetter gerade so macht. Wenn ich hingegen gemütlich in einem Park spaziere, nehme ich meine Umgebung, die Gerüche und Farben aktiv und intensiv wahr.

Das Kurzzeitgedächtnis – der vergessliche Arbeiter

Neuigkeiten von Sinnesorganen, die vom Thalamus als wichtig erachtet werden, gelangen ins Kurzzeitgedächtnis. Es kann eine begrenzte Menge von Informationen über einige Sekunden bis Minuten speichern, beispielsweise eine Telefonnummer, die wir nachschlagen und in unser Smartphone eintippen.

Unser Kurzzeitgedächtnis ist aber mehr als nur ein Speicher von Informationen. Es ist in der Lage, die gespeicherten Informationen zu verarbeiten – aus diesem Grund wird es auch als «Arbeitsgedächtnis» bezeichnet. Das Arbeitsgedächtnis ist etwa dafür verantwortlich, dass Sie Rechenaufgaben lösen und Texte (wie diesen Blog) lesen und verstehen können.

Das Langzeitgedächtnis – gekommen, um zu bleiben  

Das Langzeitgedächtnis speichert Wörter, Bilder, Gerüche, Töne, Erinnerungen, Fakten, Zusammenhänge, Bewegungsabläufe etc. über Jahre hinweg ab. Einige Inhalte gehen mit der Zeit verloren, andere bleiben ein Leben lang bestehen. Besonders lange können wir uns Informationen merken, wenn wir sie häufig brauchen, als besonders wichtig erachten oder wenn sie eng mit anderen Inhalten verknüpft sind.

Übrigens: Die Ausrede «Ich bin zu alt, um das jetzt noch zu lernen» ist nach der neuesten Lehr-Lern-Forschung überholt. Unser Gehirn ist unser ganzes Leben lang in der Lage, neue Informationen aufzunehmen, abzuspeichern und mit bestehendem Wissen zu verknüpfen.

Und nun alle zusammen

Unsere Fähigkeit, Dinge zu erkennen, zu verstehen und zu lernen, beruht auf dem reibungslosen Zusammenspiel von Sinnesorganen, dem Thalamus, dem Lang- und Kurzzeitgedächtnis und weiteren Systemen in Gehirn und Körper vor allem jenen, die für Emotionen verantwortlich sind.  

Was dies für das Lernen bedeutet, betrachten wir im zweiten Teil dieser Blog-Serie. Und fragen Sie sich vielleicht zum Schluss, ob Sie noch wissen, wer in den Alpen lebt und wer Lebkuchen isst!

 

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